Mikrobiota (Darmflora) und Fruchtbarkeit: 5 häufig gestellte Fragen wissenschaftlich erklärt

21 / 01 / 2026

In der assistierten Reproduktion schreitet die Mikrobiomforschung (Erforschung der Darmflora) rasch voran und eröffnet neue Wissensgebiete. Jede Studie liefert wertvolle Hinweise darauf, wie die Bakterien, die im Darm, in der Vagina oder im Endometrium vorhanden sind, mit verschiedenen Fortpflanzungsprozessen in Zusammenhang stehen könnten.

Gleichzeitig sind Begriffe wie Dysbiose, spezifische Probiotika oder Diäten zur „Regulierung” der Darmflora (Mikrobiom) sehr populär geworden. Allerdings sind diese oft eine extreme Vereinfachung eines komplexen Fachgebietes, das sich ständig weiterentwickelt. Es ist also wichtig, derartige Informationen mit Vorsicht zu genießen und immer auf der Grundlage verfügbarer Erkenntnisse zu interpretieren.

Einige der am weitesten verbreiteten Ideen sind:

1. „Probiotika unterstützen die Einnistung von Embryonen“

Die Rolle von Mikrobiota bei wichtigen Aspekten der reproduktiven Gesundheit – wie Entzündungen oder Rezeptivität des Endometriums – ist ein vielversprechendes Forschungsgebiet, das sich schnell entwickelt. Mit den derzeitigen Erkenntnissen können wir jedoch nicht behaupten, dass die Einnahme eines bestimmten Probiotikums zu einer Verbesserung der Einnistung führt.

Ein klinischer Ansatz der Mikrobiom-Behandlung erfordert immer eine individuelle Beurteilung, angemessene Tests und einen personalisierten Plan, der von Fachleuten erstellt wird, um festzustellen, ob ein Probiotikum im vorliegenden Fall wirklich nützlich sein kann.

2. „Der Verzehr bestimmter Lebensmittel kann deine Darmflora ins Gleichgewicht bringen und dir helfen, schwanger zu werden.“

Gesunde Ernährung ist wichtig für die allgemeine Gesundheit und kann sich indirekt auf die reproduktive Gesundheit auswirken. Die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse belegen jedoch nicht, dass ein spezifisches Lebensmittel die vaginale oder endometriale Darmflora gezielt mit dem Ergebnis einer verbesserten Fruchtbarkeit verändern kann.

Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Mikrobiota umfasst mehrere Faktoren – ernährungsphysiologische, metabolische, immunologische und hormonelle –, die noch in Forschung sind. Jegliche Ernährungsmaßnahme zu reproduktiven Zwecken sollte daher ganzheitlich betrachtet werden, im Rahmen eines gesunden Lebensstils und, gegebenenfalls, unter Anleitung von Fachleuten für Ernährung und reproduktive Gesundheit.

3. „Wer an Dysbiose leidet, kann nicht schwanger werden.“

Der Begriff Dysbiose wird immer häufiger verwendet, allerdings nicht immer mit einer einheitlichen Bedeutung.

Fruchtbarkeit hängt von vielen Faktoren ab: Alter, Eizellreserve , Spermienqualität, Gesundheit der Gebärmutterschleimhaut und andere genetische und physiologische Faktoren. Die Darmflora ist nur ein Teil dieses Gesamtbildes.

Daher sagt ein Ergebnis, das auf eine „nicht ideale“ Mikrobiota hinweist, allein noch nichts über die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft aus. Wichtig ist, diese Informationen im Gesamtkontext jeder Patientin zu interpretieren.

4. „Es ist unerlässlich, vor Beginn einer IVF-Behandlung einen Mikrobiota-Test durchführen zu lassen.“

Trotz wachsender Popularität des Begriffes Dysbiose ist nicht immer klar, was genau überhaupt damit gemeint ist. Tatsächlich ist die Fruchtbarkeit ein multifaktorieller Prozess, an dem das Alter, die Eizellreserve, die Samenqualität, die Gesundheit der Gebärmutterschleimhaut, die Genetik und viele andere Faktoren beteiligt sind. Die Darmflora ist nur ein weiterer Teil dieses Geflechts und kein isolierter Indikator, der die Prognose bestimmt.

Daher bedeutet ein Ergebnis, das auf eine „nicht optimale“ Darmflora hindeutet, nicht, dass keine Schwangerschaft erzielt werden kann. Wirklich wichtig ist, die Informationen im klinischen Gesamtkontext jeder Patientin zu interpretieren – aus einer evidenzbasierten Sichtweise.

5. „Die Mikrobiota erklärt alle Implantationsfehler“

Obwohl einige Forschungsergebnisse darauf hindeuten, dass die Mikrobiota mit bestimmten Fortpflanzungsprozessen in Zusammenhang stehen könnte, ist noch unklar, ob ihre Schwankungen eine Ursache, eine Folge oder lediglich eine weitere Entdeckung innerhalb eines komplexen Gesamtbildes sind. Implantationsfehler können vielfältige Ursachen haben – embryonale, uterine, immunologische, genetische oder altersbedingte – und erfordern eine umfassende Untersuchung.

Die Erforschung der Mikrobiota ist ein sich rasch entwickelndes Gebiet mit vielversprechenden Fortschritten und vielen noch offenen Fragen. Bei Barcelona IVF begleiten wir diese Entwicklung mit einer klaren, verständlichen und evidenzbasierten Kommunikation, damit jede Patientin fundierte Entscheidungen treffen kann – mit Gelassenheit und Vertrauen.

Die Wissenschaft schreitet voran, und wir schreiten mit ihr voran: verantwortungsbewusst, Schritt für Schritt und immer mit den Menschen im Mittelpunkt unserer Arbeit.

Dr. Cristina Guix
Gynäkologin und Fertilitätsexpertin bei Barcelona IVF

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